26. Mai 1951
Herrn
D[okto]r Stijn Streuvels
Ingoyghem / b[ei] Kortrijk
Het Lijsternest
Hochverehrter lieber Herr D[okto]r Streuvels!
Ich bestätige noch meinen Brief vom 20.5.
[1] und danke Ihnen nochmals für den Ihrigen vom 8.5., den ich nun noch beantworten möchte.
[2]
Flachsacker.
In meinem Brief vom 8. Mai
[3] bat ich Sie, mir einen Fahnensatz vom
Flachsacker mit den Korrekturen zu schicken, aber das war ganz unnötig: Ich entdecke soeben mit Beschämung, dass Sie mir ja vor längerer Zeit einen solchen Abzug geschickt haben. Dieser lag wohlverwahrt bei mir und ich habe ihn soeben gefunden. Nun wäre es mir aber wichtig, zu wissen, ob dieser Text (
Verzamelde Werken tweede Deel (
Zonnewende)) auser Ihren handschriftlichen Korrekturen auch Änderungen gegenüber dem Text zeigt, den Frau
Valeton als Grundlage für ihre Übersetzung für mich im Jahr 1942 verwendet hat.
[4] Wenn dies nicht der Fall ist, sondern nur die handschriftlichen Korrekturen berücksichtigt werden müssen, ist die Sache ja sehr einfach. Andernfalls aber müsste ja sonst Frau
Valeton diesen Text Wort für Wort mit ihrer Übersetzung vergleichen. Das gäbe eine Riesenarbeit und nach den bisher gemachten Erfahrungen mit Frau
Valeton ist bestimmt anzunehmen, dass sie dafür ein neues erhebliches Honorar berechnen würde. Ich bin Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir recht bald hierauf Bescheid geben, denn wir müssen jetzt sobald als möglich mit der Herstellung beginnen. Muss aber an der Textvorlage noch viel geändert werden, dann kostet das viel Zeit.
[5]
Ich habe mir zusammen mit meinen Mitarbeitern die Frage des Umschlages für dieses Buch immer wieder von neuem überlegt. Es kommt alles darauf an, dass dieser Umschlag gut wird, dass er dem Inhalt und Rang des Werkes entspricht und dass er auch den heutigen Strömungen im deutschen Publikum einigermassen gerecht wird. Am schlimmsten ist zweifellos ein gemalter Umschlag, der nicht gut ist und nicht ganz das Richtige trifft. Ich befürchte nun eben doch, dass es keinem der an und für sich sehr guten hiesigen Graphiker gelingen wird, ganz einwandfreie Arbeit zu liefern, und dazu kommt noch ein weiteres: Ein Bildumschlag muss, wie ja auch die beiden von Ihnen übersandten Vorlagen, ganz klar die Flachsarbeiter in der Landschaft zeigen, also die bäuerliche Atmosphäre dieses Werkes veranschaulichen. Nun lässt sich eben leider nicht leugnen, dass wir in Deutschland seit dem Zusammen[2]bruch von 1945 völlig anderen Verhältnissen gegenüberstehen. Vorher waren alle Romane, die auf dem Lande spielten, ausserordentlich beliebt und sie wurden von der allgemeinen Strömung getragen. Mit dem Zusammenbruch aber änderte sich dies vollkommen. Jetzt triumphiert die städtische Literatur sowohl thematisch als in der Art der Darstellung, also das, was die Nazis "Asphaltliteratur" genannt haben. Dies zeigt sich sowohl in den Schaufenstern der Buchhandlungen als in den Verkaufsziffern als vor allen Dingen fast in der gesamten Presse: Das Pendel ist eben, wie so oft in der Weltgeschichte, einmal völlig nach er anderen Seite ausgeschlagen.
Wenn wir nun einen Bildumschlag mit einer Szene aus dem Landleben bringen (wie dies ja hier unvermeidlich ist), dann sagt das breite oberflächliche Publikum: "Auch wieder ein Bauernroman, ein sogenannter Blut- und Bodenroman wie in der Nazizeit". Infolgedessen halten wir es bei reiflichster Überlegung doch für klüger, einen recht schönen Umschlag ohne Bild, aber mit wirkungsvoll gezeichneter edler Schrift zu machen, wofür ausgezeichnete Kräfte zur Verfügung stehen. Da dieser Roman Ihren Namen in Deutschland zuerst berühmt gemacht hat, halte ich diese Lösung auch schon aus diesem Grunde für recht zweckmässig, weil die früheren Verehrer dann von vornherein durch den stark in die Augen springenden Titel wieder aufmerksam gemacht werden. So wollen wir es denn nun einmal auf diese Weise versuchen und Sie brauchen keine weiteren Bilder mehr zu schicken.
Prütske. Die
herrliche große illustrierte Ausgabe ist Gott sei Dank gerettet worden. Ich habe sie zusammen mit den anderen Luxusdrucken Ihrer Werke, die Sie mir geschenkt haben, rechtzeitig vor den Bombenangriffen ins Gebirge geschickt.
[6] Sie stehen jetzt in meiner Bibliothek und ich habe sie noch neulich mit grosser Freude wieder durchgesehen. Für eine solche Luxusausgabe mit Klischees fehlt leider heute in Deutschland der Käuferkreis: Die eigentlichen Interessenten sind allzu verarmt. Sonst hätte ich mich hierfür gerade in diesem Fall mit Freude zur Verfügung gestellt.
Ihre Bücherwünsche. Bereits bestellt habe ich:
Hans Carossa /
Ungleiche Welten (
Inselverlag)
[7] und
Hübscher /
Platon - Phaidros (
Piper).
[8] Die Lebenserinnerungen von Andersen haben im Deutschen den Titel "Das Märchen meines Lebens." Wir haben festgestellt, dass 1936 eine deutsche Ausgabe dieses wenig bekannten Buches erschienen ist, aber diese ist längst vergriffen und der Verlag existiert nicht mehr. Glücklicherweise konnte ich in einem hiesigen Antiquariat ein altes Stück des Buches bekommen, das zwar nicht mehr sehr schön aussieht, aber Ihnen wenigstens den Text bringt. Es geht heute noch an Sie ab.[9]
So weit hatte ich am Samstagvormittag diktiert. Heute kann ich Ihnen nun auch gleich für Ihren Brief vom 25. Mai danken
[10] und Ihnen sagen wie sehr wir uns über den Besuch von Fräulein
Isa gefreut haben. Über die Tatsachen wird sie Ihnen bereits berichtet haben, aber ich möchte noch beifügen, welche große Freude uns dieser
[3]nur zu kurze Besuch bereitet hat. Fräulein
Isa hat ganz unser Herz gewonnen und wir hoffen, sie noch recht oft bei uns zu sehen. Wir hatte n auf diese Weise die Möglichkeit, verschiedene technische und propagandistische Fragen eingehend zu besprechen, die sonst einen grossen Briefwechsel erfordert hätten.
Fräulein
Isa brachte mir auch eine Menge schöner Bücher mit, für die ich Ihnen auf das herzlichste danke, nämlich:
- Alma (Korrekturabzug)
- Langs de Wegen (Korrekturabzug)
- Kerstvertellingen
- Genoveva van Brabant
Ich hoffe nun, dass sie gut zurückgekehrt ist und Sie alle wohl vorgefunden hat.
Ich glaube, für junge Menschen von so lebendigem Geist ist es von grösster Wichtigkeit, dass ihnen immer wieder Gelegenheit gegeben wird, sich in der Welt umzusehen, Menschen kennenzulernen, andere Landschaften zu erblicken und den Gesichtskreis auszuweiten.
Sehr herzlich danke ich Ihnen für die Erfüllung meiner Bitte und Ihre Bereitwilligkeit, 20 Stücke von "Blütezeit" zu signieren. Ich denke, es wird am einfachsten sein, ich bringe die Bände im Wagen mit, wenn ich zu Ihnen komme.
Mit grösster Freude nehme ich Ihr weiteres Angebot an, dass Sie uns etwa 50 Reproduktionen Ihres Bildnisses in grossem Format mit Ihrer Unterschrift übersenden. Das ist ein weiterer bedeutender Anreiz für die jungen Leute. Auch diese Bilder kann ich dann gut im Wagen mitnehmen und Sie brauchen sich nicht mit dem Postversand bemühen.
Ich bin Ihnen nun recht dankbar, wenn Sie mir noch die Frage wegen der Korrekturen im Flachsacker beantworten, da die Zeit rasch fortschreitet und ich diese Dinge noch vor meiner Reise erledigen muss.
Seien Sie mit all den Ihren sehr herzlich gegrüsst.
In alter Verehrung
stets Ihr
(handtekening Adolf Spemann)
N[achschrift] In meinem Brief vom 26.5. ist leider ein Schreibfehler stehen geblieben: Es muss natürlich
3% Umsatzsteuer, nicht 30% heissen.
[11]